Eigentlich hätten die kommenden Tage aus wohlverdientem Beine-hochlegen bestehen sollen – Der gelegentliche Griff zum Cocktailglas und gemütliche Schlendereien an die Poolbar die einzige Urlaubsanstrengung. Doch als sein Kollege ihm die Geschichte um den „verunglückten“ Walter Jones erzählt und ihn darum bittet, sich dem Fall anzunehmen, kennt Jack Norm kein Halten mehr. Trotz schweren Unwetters fliegt er auf die Malediveninsel „Sagorah“, um dort das Ableben Walter Jones’ zu untersuchen.
Walter Jones, Schräger Milliardär
Bereits der Anflug auf die kleine Insel, die Walter Jones den Inselbewohnern für ein Butterbrot abgekauft hat, versetzt Jack Norm in Erstaunen: Wo andernorts die Hotels aus dem Boden sprießen, hat sich Jones eine kleine Welt nach seinem eigenen Gusto erschaffen, manifestiert in einem riesigen Turm, der mit seinen eigenwilligen Dimensionen einen Schatten auf die ganze Insel wirft. Und jetzt, jetzt liegt er dort, der schräge Milliardär, den leblosen Kopf im Sand. Sein Geld hat ihm nichts genützt, nein, ist – wie’s nun mal so ist, wenn’s etwas zu erben gibt – gar der Grund für seinen Tod.
Zehn Verdächtige
Als Jack Norm machen wir uns nun daran, den Fall aufzuklären. Was sich zunächst als tragischer Unfall präsentiert, entwickelt sich nach und nach zu einem verstrickten Mordfall. Vor seinem Ableben hatte der Milliardär seine Familie auf die Insel geladen. Zehn Menschen, die – ob als Verwandte, Vertraute, Freunde oder Bekannte – in einem Verhältnis mit Walter Jones standen. Zehn Verdächtige, denen wir das Wort im Munde herumdrehen müssen, damit so etwas wie Wahrheit entsteht. Wahrheit über das, was wirklich geschah in der Nacht, in der Walter Jones starb.
Personal Police Assistant
„Sinking Island“ präsentiert sich unkonventionell. Anstelle von stupidem Einsammeln von nicht Niet- und Nagelfestem versucht das Adventure, seine Atmosphäre über Dialoge und die Verknüpfung von Puzzleteilchen zu erzeugen. Schnell spaltet sich die große Frage „Wer ermordete Walter Jones“ auf in kleinere Teilfragen, die durch Verknüpfung von Indizien wie Gegenständen und Zeugenaussagen ihre Antwort finden. Optisch anschaulich macht das „Sinking Island“, indem es die Unterfragen im „Personal Police Assistant“ (PPA) präsentiert.
Das richtige Indiz
Der PPA ist das Herzstück von „Sinking Island“. Hier laufen alle Fäden zusammen, hier checken wir, ob der Fingerabdruck auf dem Beweismittel einer Person zugeordnet werden kann, stellen Aussage gegen Aussage und lösen schließlich die Kopfnüsse, die uns gestellt werden. Jede Rätselfrage stellt ihre eigenen Anforderungen. Der PPA zeigt, welche Arten von Beweisstücken kombiniert werden müssen, um das Rätsel zu lösen und gibt in Form einer prozentualen Anzeige einen Überblick darüber, wie weit wir beim Lösen des Rätsels sind. Aus der Unmenge von Beweismaterial, das wir im Spiel sammeln, geht’s darum, das richtige Indiz zu finden und per Drag and Drop auf das entsprechende Feld im PPA zu ziehen. Sind die Indizien richtig gewählt, präsentiert „Sinking Island“ ein Kurzvideo, das die Antwort auf die Rätselfrage aufbereitet wiedergibt und das Geschehen zusammenfasst.
Übersicht
In der Praxis gestaltet’s sich allerdings schwierig, nicht die Übersicht im „Personal Police Assistant“ zu verlieren. Schnell ist der Polizeiassistent so zugerümpelt mit Beweismitteln, dass es einem im Kopf schwindelt – gar nicht zu sprechen davon, dass oftmals gar nicht mehr klar ist, worum’s sich denn nun im aktuellen Rätsel dreht. Unter elf Aussagen einer Verdächtigen die eine Aussage finden, die dann, kombiniert mit der belastenden Aussage eines anderen Zeugen ein großes Ganzes ergibt? Nada. Da wär’s schön gewesen, von „Sinking Island“ ein wenig mehr an die Hand genommen zu werden.
Ich samm'le Fußabdrücke
An die Hand nehmen sollte man zügigst auch einmal den Hauptcharakter des Spiels. Munter stellt Jack Norm den falschen Leuten die falschen Fragen. Sein Lieblingssatz ist offenbar „Ich samm’le Fußabdrücke – ihre fehlen mir noch“. Wenn Norm aber mit der Perle der Alltime-Top 5 der Adventuredialoge glänzt, kullern die Lachtränen wie Sprudelwasser aus den Tränendrüsen heraus: „Die Sache ist klar: Wenn es Mord war, muss ich nur den Mörder finden“. Jack Norm dient nicht als Identifikationsfigur, vielmehr arbeitet er eifrig daran, von Spielerin und Spieler als Witz- und Lachfigur abgetan zu werden.
Kommissarausbildung anno Pief
So sammelt Norm genüsslich geöffnete Verpackungen von Condomen (um sie auf Fingerabdrücke zu untersuchen – ja ne, is klar) und ballert der Besitzerin der Condome folgendes mit Schmackes an den Kopf: „Heutzutage muss auch der Mann Vorsicht walten lassen – wer ist der Letzte, dem diese Ehre zuteil wurde?“ Spätestens jetzt wird klar, dass Jack Norm seine Kommissarausbildung anno Pief im neunzehnten Jahrhundert abgeschlossen oder im Lotto gewonnen hat. Mit so jemand fällt die Identifikation nicht leicht.
Mut zur Innovation
Trotz Negativa wie extrem überflüssiger, nervtötender und langweiliger Lauferei und oft allzu oberflächlich gezeichneter Charaktere mit (nervtötenden) Standardsätzen kann sich „Sinking Island“ seinen eigenen Charme bewahren. Die gut erzählte Story und der Mut zur Innovation zieht in seinen Bann, so dass nach zahlreichen spannenden Stündchen in „Sinking Island“ einzig die Frage zu lösen bleibt: „oh, schon vorbei?“
Endlich 'mal nicht nur das Inventar vollrümpeln, um wild herumzukombinieren - "Sinking Island" versucht sich in Innovation, kann seine Qualität aber nicht entfalten: Zu viele sinnbefreite Lauferei, zu oberflächlich gezeichnet die Spielcharaktere. Trotzdem: "Sinking Island" macht Spaß bis zur letzten Minute - gerade wegen seiner Ecken und Kanten.