Chronik eines Amoklaufes

Gegen 18.30 Uhr fährt er den Rechner hoch, checkt kurz Emails - und flüchtet schließlich aus dem Alltag. Bereits seit mehreren Wochen trainiert er mit Killerspielen gezielt das Töten am Bildschirm, zelebriert den Untergang ganzer Kulturen in "Civilization IV".

Kurz nach 20 Uhr: Er schaltet den Fernseher ein - und wieder aus. "Teenager außer Kontrolle - letzter Ausweg wilder Westen" - sieht so der Alltag aus?

20.17 Uhr: Er studiert die Praxis,biegt, windet und hangelt sich mit Lara Croft in "Tomb Raider: Underworld" durch die unmöglichsten physischen Herausforderungen; anschließend analysiert er in "Psychonauts" die Psyche seiner Gegner, entwirft in "Achtung Vooorfahrt! - Wer ist der Schnellste?" bereits einen Fluchtplan durch die Straßenschluchten der Kleinstadt, in der er lebt.

22 Uhr: Seine Muskeln sind gespannt, seine Haut transpiriert. Vor der Wii trainiert er den Ernstfall, den Umgang mit dem Baseballschläger. Beim virtuellen Bowling imaginiert er seine zehn ärgsten Feinde - und schleudert ihnen die Bowlingkugel entgegen. Wer jetzt noch muckt, wird im Nahkampf erledigt! Beim Boxen vor der Wii durchströmt ihn ein Gefühl der Macht, der Präsenz, das sich nur noch mit dem virtuellen Baseballschläger in der Hand steigern lässt. "Wii Sports" ist eine feine Sache.

Erschöpft von den Killerspielen legt er sich ins Bett, fällt in einen tiefen Schlaf.

Und morgen? Sie werden ihm ein Denkmal setzen, umrankt von Mutmaßungen und Vorurteilen, aufgebaut auf dem Sockel der Meinungsmache. Seinem flüchtigen Dasein wird ein Stück Ewigkeit zuteil werden. Doch wer er wirklich war - und was ihn handeln ließ, wie er handelte -, dass bleibt im Verborgenen. Denn hierfür bedürfte es mehr als vorschnelles Urteilen: der Reflektion.

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