Hat jemand mitgezählt, wie oft uns das Adventuregenre in den vergangenen Jährchen schon als „tot“ deklariert wurde? In unzähligen Foren, Glossen und Kolumnen des Internets ist die Gattung der Adventuregames ein gern beschriebener Gast und fristet sein Dasein als etwas, worüber man am besten nicht mehr spricht. Was für den Einen mit dem zweiten Teil der „Monkey Island“ Reihe endet, beginnt für die Andere erst mit „Fahrenheit“. Über Geschmäcker lässt sich also wunderbar streiten, ganz sicher aber nicht über das Fortleben der Spielegattung „Adventure“. Wenn auch Innovationen in der Point&Click-Steuerung so häufig sind wie Nadeln im Heuhaufen, ist doch intuitiv klar, worum es in Adventurespielen geht: Um das Erzählen von Geschichten. Und eben das Erzählen von Geschichten, gemischt mit einer gehörigen Portion Rätselarbeit, ist es, was Adventures am Leben erhält.
Im Erzählen seiner Geschichte gehört „Ankh“ zu den Großen des Genres. Nur selten nimmt es sich selbst ernst, persifliert auf feinsinnige Weise alte Adventureschinken wie „Monkey Island“ und lässt mit seinem wunderbar liebenswürdigen Humor definitiv kein Auge trocken. So entführt uns das Adventure der Frankfurter Softwareschmiede „Deck 13“in das alte, sagenumwobene Ägypten. Dort, wo Götter die Seelen noch von Hand der Gerechtigkeit gegenwiegen, schlüpfen wir in die Rolle von Assil, dem Sohn des ruhmreichen Pyramidenbauers. Gemeinsam mit seinen Freunden schleicht er sich in die alte Pyramide des Skarabäenkönigs, um dort ausgelassen zu feiern.
Als die Party richtig in Schwung kommt, stößt Assil mehrere wertvolle Vasen um und wird zur Strafe für dieses Missgeschick von einer fürchterlich wütenden Mumie mit dem Todesfluch belegt. Bei der Verfluchung passiert der aufgebrachten Mumie jedoch selbst ein folgenschweres Malheur: Das Unsterblichkeit bringende Amulett in Form eines Ankh rutscht von dem Arm des wütenden Staubfängers und kommt Assil zu – woraufhin die Mumie zu Staub verfällt und Assil sich über den zu groß geratenen „Flaschenöffner“ freut. Da Assil den Schlüssel zur Pyramide bei seinem Vater „geborgt“ hatte, dieser jedoch nichts davon wusste, ist der Pyramidenbauer nicht erfreut über Assils Eindringen in das Bauwerk und verpasst ihm eine saftige Portion Hausarrest. Das schmerzt deutlich, da Assil in wenigen Tagen – fluchbedingt – sein Leben aushauchen soll.
Von diesem Ausgangspunkt nimmt unser Abenteuer seinen Lauf. Klar, dass wir den jungen Helden nicht einfach seinem Schicksal überlassen. Um den Fluch zu lösen, erforschen wir mit ihm verwinkelte Gassen Kairos oder finden uns auf dem Grund des Meeres wieder, wo wir ein hungriges Krokodil davon überzeugen müssen, dass Assil doch nicht das begehrte Appetithäppchen ist. Wir ziehen durch die Wüste, staunen über den Einfallsreichtum der alten Ägypter – eine Kamelwaschanlage mitten in der Wüste?!? –und erforschen alte Gemäuer, ja wir brechen sogar aus dem Gefängnis aus. Auf seinem Weg durch das frühzeitliche Ägypten trifft Assil dabei auf allerlei abgedrehte und liebevoll gezeichnete Individuen. So begegnet er dem mit massiven Goldkettchen behangenen Fährmann oder sinniert mit dem korpulenten Sklavenhalter über Menschenrechte und Theorien der Freiheit.
Zu Beginn des Abenteuers gleich ein Paukenschlag: Wir treffen auf zwei fürchterlich durchtriebene Meuchelmörder. Lauernd stehen sie unter dem Fenster von Assils Wohnhaus, um dort einzubrechen. Stellt Assil ihnen ängstlich die Frage, ob man denn in diesem Abenteuerspiel überhaupt sterben könne, antworten sie, dass sich die Entwickler an klassischen Adventures orientiert hätten und das Abnippeln des Hauptcharakters somit nicht möglich sei. Auch unlogische Farbenrätsel gehörten nicht zur Ausstattung von "Ankh", berichtet das Killerduo.
Dass viel Liebe in „Ankh“ steckt, macht besonders die Vertonung der Spielcharaktere deutlich. Oliver Rohrbeck, bekannt als „Justus Jonas“ der Hörspielreihe „die drei Fragezeichen“ und als Stimme von Ben Stiller, leiht Assil seine Sprachorgan. Darüber hinaus runden unter anderem die deutschen Synchronstimmen von Renée Zellweger (Ranja Bonalana) und John Cleese (Thomas Danneberg) das Adventure ab.Neben der guten Vertonung (der Soundtrack: lieblich!) sammelt „Ankh“ Pluspunkte mit seiner gemütlichen Comic-Optik und der einfachen Steuerung unseres Helden. Wie in klassischen Adventures wird die Umgebung auf nicht niet- und nagelfeste Gegenstände abgegrast, die dann nach belieben im Inventar miteinander kombiniert und zusammengewurschtelt werden können. Leichte Abstriche gibt es für „Ankh“ in der B-Note. So lassen sich die mitunter recht langen Laufwege nicht komfortabel abkürzen. Auch die Spieldauer ist leider ein wenig kurz geworden – nach knapp 8 Stündchen unterhaltsamer Rätselarbeit flimmert der Abspann über den Monitor.
Aber was ist ein Top-Spiel nach „leichten Abstrichen“ in der B-Note? Genau, immer noch ein Top-Spiel. Der charmante – und stellenweise wunderschön schwarze – Humor, die auch für Adventurefrischlinge leicht zu meisternden Rätsel und die äußerst liebevolle Umsetzung des Ganzen machen „Ankh“ zu einem unterhaltsamen Adventurebonbon für die ganze Familie und ist auch für jüngere Familienmitglieder ab sechs Jahren geeignet. Auch alte Adventurehasen kommen auf ihre kosten und genießen die vielen Anspielungen auf Abenteuerspiele der ersten Stunde („ich zittere, ich zittere“).
"Ankh", das ist ein wunderbares Adventure mit liebevoll gezeichneten Charakteren und vielen Anspielungen auf Klassiker des Genres.