Geht’s mal wieder um gesellschaftliche Problemzonen, so ist ein Schuldiger immer schnell zur Stelle – die bösen, bösen Computerspiele. Sei es das Massaker in der Schule oder die zunehmende Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen, sei es die "Verrohung" junger Menschen, ausgelöst (ganz bestimmt) durch den HotCoffee-Mod. Zwei Schuldige waren und sind immer schnell zur Stelle, wenn das unreflektierte Reden um "Killerspiele" beginnt: "Counter-Strike" (CS) und "Grand Theft Auto" (GTA). Mit seinem in Bälde erscheinenden "Getting up" wird der Publisher Atari wohl eine neue Diskussion anregen, die sicherlich, nein hundertprozentig, alles bisher dagewesene an Rufen nach dem "Untergang des Abendlandes" in den Schatten stellen wird.
In Marc Ecko’s "Getting up" geht es nicht um die Befreiung von Geiseln oder das Ausschalten von Computergegnern. Es geht auch nicht um das wilde Kopulieren mit klargemachten Chix aus der Nachbarschaft. In "Getting up" geht es um - aus der Sicht vieler - ganz heftiges Teufelszeugs, es geht um Graffiti. Wer kennt es nicht - es macht den grauen Hochhausblock bunt, es bringt Intention in den tristen Alltag. Graffiti, das ist vor allem ein großer Stein des Anstoßes. Die Gesellschaft spaltet sich hier in zwei Lager: Die Einen sind betroffen, weil sie ihr vertrautes Umfeld verändert sehen, die Anderen wollen ihre Handschrift im Alltag hinterlassen, was auf Kosten von Eigentumsansprüchen der Anderen geht. Die Einen treten mit viel Trara, Sandstrahler und eigener Rhetorik (Suffix "eien") auf, um "Farbschmierereien" zu entfernen. Die Anderen arbeiten im Schutz der Dunkelheit und malen, was nicht in jedermanns Ästhetik passt. Genau hier setzt Marc Ecko’s "Getting up" an: auf der Seite der "Eigentumsverletzer".
Als "Splinter Cell" des Alltags schlüpfen wir in die Rolle der Hauptfigur "Trane" und sprühen uns in der fiktiven Großstadt "New Radius" von ganz unten nach ganz oben. Um die schönste und beste Stelle für das Graffiti zu erreichen, müssen zunächst Schleich- und Klettereinlagen bestanden werden. Das Malen wird unter großem Zeitdruck erledigt und besteht im Wesentlichen darin, ein Muster mit der Mouse nachzuzeichnen. Ist das Tag, die Handschrift des Sprayers, fertig, muss der Platz schnellstmöglich verlassen werden. Dabei stellen sich sowohl rivalisierende Graffiti-Crews, als auch Ordnungshüter in den Weg. Um die Störenfriede zu überwinden, schleicht Trane entweder an ihnen vorbei oder prügelt sich um Kopf und Kragen. Je später das Spiel, desto fortgeschrittener Tranes Schleich- und Kämpf-Fähigkeiten. Damit das Ganze auch echt wirkt und die Tags nicht aussehen, wie in der Grafikdesignabteilung entstanden, holen sich Atari und Marc Ecko optische Finesse aus den Sketchbooks unzähliger New Yorker Sprayer.
"Getting up" ist ein umfangreiches Komplettpaket: Für das Klamottendesign der Spielfiguren zeichnet sich der Namensgeber des Spiels, Marc Ecko, Modemogul und nebenbei Multimillionär, verantwortlich. Der Soundtrack geht mit Größen wie "Talib Kweli", "Pharaoe Monch" oder "Rakim" an den Start und wird eine exklusive Remix-Fassung von Notorious B.I.G.’s "Who shot ya" beinhalten. Den Motor der gigantischen Marketingmaschinerie wird zudem ein gleichnamiger Film antreiben, der von Marc Ecko produziert werden wird – MTV Films hat sich bereits die Rechte gesichert.
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