Als ich aufwache, legt die Wahrnehmung einen milchigen Schleier über die Realität. Ein lautes Brummen im Kopf, das Bewusstsein ständig dem Schwinden nahe, dringen Stimmen an mein Ohr, die das Ende bedeuten: „Schaffen sie den da auf’s Dach und töten sie ihn.“ Nach mehrmaligem Blinzeln sehe ich Blut auf dem steinernen Fußboden, sehe ich Männer, die meine Peiniger zu sein scheinen. Nun soll ich sterben – und das Abenteuer hat noch nicht einmal begonnen.
Der kalte Lauf einer Waffe drückt sich in meinen Nacken. Ich steige die Treppenstufen zum Dach hinauf und – plötzlich geschieht etwas Unvorstellbares. Der Mann, der mich umbringen wollte, wird von einer geheimnisvollen grausamen Macht gefangen, aufgefressen. Ich laufe durch düstere Korridore, schaue in den Spiegel. Die linke Gesichtshälfte ist gezeichnet von einer Narbe. Wer bin ich? Ich kann mich nicht erinnern.
Und nun beginnt es, das Abenteuer. Ich flüchte aus einem Hochhaus in unmittelbarer Nähe des Central Parks in New York. Die düstere Macht, die meinen Peiniger aus dem Weg räumte, will nun mir an den Kragen – und legt das ganze Hochhaus in Schutt und Asche. Mobiliar brennt, Wände zerbersten. Ich muss hier raus und finde mich schließlich an der Außenwand des Hochhauses wieder.
Ich kämpfe um mein Leben; weiche herunterfallenden Betonblöcken aus, in die sich das Hochhaus langsam auflöst, als bestünde es aus Pappmachee. Ich hangele mich an massiven Drahtseilen entlang, die sich dann doch nicht als so massiv herausstellen und stehe schließlich einem Wesen gegenüber, mehr tot als lebendig, das mich – wie könnte es auch anders sein? – töten will.
Ich kämpfe gegen dieses Wesen, schlage mit einem Stuhl auf es ein; immer wieder steht es auf, bis ich schließlich den Hinweis erhalte, den grimmigen Tod mit Feuer anzustecken. Es funktioniert. Das Wesen löst sich in Rauch auf. Ich laufe, renne, springe, kombiniere, zerschlage Türen, um bloß nur aus dem Hochhaus zu fliehen. Endlich finde ich eine Überlebende, eine Mitstreiterin. Ich befreie sie aus dem Fahrstuhl und finde mich schließlich in der brennenden Eingangshalle wieder, auf der weitere Gefahren auf mich und uns lauern.
Bis zu diesem Zeitpunkt von „Alone in the Dark“ funktioniert die Identifikation mit dem Protagonisten wunderbar. Ich bin dieser mysteriöse Mann mit der Narbe im Gesicht. Ich muss aus dieser brennenden Hölle fliehen mit all ihren tödlichen und blutdurstigen Gefahren. Mit heruntergeklappter Kinnlade sitze ich vor dem Rechner und fiebere mit, erfahre die Folgen meines Handelns beinahe physisch.
Was es dann so schwer macht, weiter auf so hohem Niveau mitzufühlen und mitzufiebern, sind die Spielcharaktere. Wenn sich das eigene Ich als ruppiges Brett mit der Neigung zu vier-Wort-Sätzen a là „ich Carnby, Du Jane“ entpuppt, leidet der Spielspaß ungemein. Besonders die lieblos umgesetzte deutsche Synchronisation setzt dem ganzen die Krone auf; die Dialoge und ihre Sprecher hören sich dermaßen unlebendig an, dass man dem ganzen mit der Luftpumpe Leben einhauchen möchte – wenn der Hauptcharakter wie ein weichgekochtes Würstchen parliert, fällt die Identifikation schwer. Wohlige Abhilfe schafft hier – zum Glück – die englische Sprachausgabe von „Alone in the Dark“, zu der sich jederzeit wechseln lässt. Wenigstens hier hören sich Helden an wie Helden und Monster formulieren mit sonorem Brummen eine wohlige Gänsehaut.
Neben der grauenhaften deutschen Vertonung steht besonders die Spielsteuerung dem jüngsten Teil der „Alone in the Dark“ Reihe im Weg und zieht das zu Beginn so sauber vorgelegte hohe Spielniveau herunter. So lässt sich der Hauptcharakter auf eine Art und Weise bewegen, die oftmals mehr an einen Traktor-Simulator erinnert, als an die Steuerung eines Helden aus Fleisch und Blut. Und auch das ständige ungewollte Umschalten zwischen Ego- und Dritter-Person-Ansicht sorgen dafür, dass sich irgendwann die Zähne in die Tastatur graben oder das Gamepad vor Wut in hohem Bogen aus dem Fenster fliegt.
Leider schwächelt auch die Story von „Alone in the Dark“ im Laufe des Spiels. Die anfängliche Amnesie gipfelt darin, dass sich der Protagonist als derjenige identifiziert, der in den ersten drei Teilen der „Alone in the Dark“ Reihe knackige Rätsel löste und sich seinen eigenen Weg durchs Dunkel wagte: Edward Carnby. Verschwunden in den späten 1930er Jahren, soll nun der wortkarge Bruce Willis Verschnitt den guten alten Carnby verkörpern – naja. Da wär‘ Kreativität wohl der bessere Berater gewesen.
Trotzdem: Der fünfte Teil der „Alone in the Dark“ Reihe geht ab wie ein Zäpfchen. Trotz Unzulänglichkeiten in der Story, der extrem platt gezeichneten Charaktere und der Spielsteuerung geht „Alone in the Dark“ mächtig nach Vorne und macht mit seinen kleinen aber feinen Inventiönchen wie dem erfrischend anderen Inventar, den Heilmöglichkeiten des Charakters, den gut gemeinten Autorennabschnitten und der Episodenstruktur richtig Spaß. Zwar steht das Fürchten oft im Hintergrund und auch der Gänsehautfaktor ist nicht auf Lovecraftschem Niveau – das fünfte „Alone in the Dark“ ist jedoch eine feine, optisch durchschlagende Sache mit vielen Verbesserungsmöglichkeiten für eine weitere Fortsetzung der Spielereihe.
Brauchbarer fünfter Teil der "Alone in the Dark" Reihe mit einigen Schönheitsfehlern.