Die ersten Begegnungen der Menschen mit einer anderen, außerirdischen Spezies führten bald zu einem blutigen Konflikt, der auch der „Krieg des Erstkontaktes“ genannt wurde. Doch seit jener Zeit hat sich viel verändert im Universum von Mass Effect. Die Menschen sind nun Teil einer Allianz zwischen den galaktischen Völkern. Als junges Mitglied arbeiten sie daran, einen größeren politischen Einfluss im Rat zu erlangen. Als Teil der Allianz Armee unter der Kontrolle des Menschen-Heeres ist die Normandy, ein neuartiges Schlachtschiff, unterwegs zu einem friedlichen Planeten unter dem Einfluss der Erde, um Tests durchzuführen.
Doch bald stellt sich alles als anders heraus. Der harmlose Test ist eigentlich eine geheime Operation zur Bergung eines Artefaktes jener antiken Zivilisation, die der Menschheit die Raumfahrt brachte. Als sich die Lage jedoch erneut verändert und per Videoübertragung ein Angriff auf den Planeten übermittelt wird, muss ein kleines Eingreifteam auf den Planeten, um das Artefakt, einen Sender, sicherzustellen. Die gesamte Operation läuft aus den Fugen. Ein abtrünniger Spezialagent bemächtigt sich des Senders, um den Versuch zu starten, eine untergegangene Roboter-Spezies wiederzubeleben, die nur ein Ziel kennt: Die Auslöschung allen organischen Lebens.
Mag die Geschichte um einen Bösewicht, der die Apokalypse heraufbeschwören will, auch wenig aufregend klingen, umso mehr ziehen die hervorragenden und filmreifen Sequenzen in den Bann und lassen an vergangene Science-Fiction Epen wie "Star Wars" zurückdenken. Das Universum, das Bioware hier kreiert hat, wirkt glaubwürdig und lebendig. Mass Effect erzählt von einem Universum, das mit Bürokratie-Chaos, politischer Unentschlossenheit und Rassismus zu kämpfen hat. Die Charaktere, von denen jeder einzelne ein eigenes Wesen besitzt, das nach besten Kräften durchzusetzen er versucht, hauchen der fiktiven Milchstraße ebenfalls Leben ein. So versucht Kämpferkameradin Ashley, die dazu hochgradig rassistisch ist, den Spieler dazu zu überreden, die letzte überlebende Königin einer außerirdischen Rasse auszulöschen, während der ausgeglichene, aber von Schmerzen geplagte, Gefährte Kaidan versucht, der Kreatur die erneute Begründung ihrer Rasse zu ermöglichen.
All jene Entscheidungen haben Auswirkung auf die Bioware-typische „gut-böse“ Ausrichtung des Helden Commander Shepard. Zwar werden die beiden Ausrichtungen in Mass Effect „Vorbildhaft“ und „Abtrünnig“ genannt, stellen aber dennoch das gleiche dar. Wählt der Spieler beispielsweise, dass er die Königin der Alienrasse weiter bestehen lässt, so erhält er Punkte für „Vorbildlich“. Wirkliche Auswirkung hat das aber keine auf den Spielverlauf. Da wirken sich die beiden Fähigkeiten „Schmeicheln“ und „Einschüchtern“, die direkt mit den Ausrichtungen verbunden sind, wesentlich stärker aus, da sich Mass Effect zu einem sehr großen Teil auf Dialoge und Gespräche verlässt. So kann es vorkommen, dass bei falscher Wortwahl der Alien-Kamerad in einer Diskussion das Zeitliche segnet. Die Entscheidungen haben also teilweise drastische Auswirkungen. Freilich kommt so etwas nur selten vor und lässt sich auch mit weit genug ausgebauten Fertigkeiten vermeiden.
An Commander Shepard ist nur eines fix, und das ist sein Name. Den Rest zu gestalten obliegt ganz und gar dem Spieler. Über Vornamen, Vorgeschichte und militärischer Laufbahn zur Gesichtskonfiguration und der Klassenauswahl. Klassenauswahl? Richtig. Trotz des Science-Fiction Settings ist und bleibt Mass Effect ein Rollenspiel. Es kann aus sechs Klassen gewählt werden unter denen beispielsweise Soldat (ein Waffennarr) und ein Techniker (eine die Umgebung manipulierende Zerstörungsmaschine) sowie ein psychisch talentierter „Biotiker“.
Vor Spielstart kann also zwischen kompletter Neuerstellung eines Charakters oder der Auswahl des vorgefertigten Soldaten „Commander John Shepard“ (der zufällig! denselben Namen wie der Protagonist der Fernsehserie Stargate: Atlantis trägt). Die Klassen verfügen über verschiedene Spezial-Fähigkeiten und ebenso über andere Attribute, die sich durch Levelaufstiege verbessern bzw. verstärken lassen.
Doch gegen die Anzahl der Feinde, die der abtrünnige Saren auffährt, hat auch eine Ein-Mann-Armee wie Shepard alleine keine Chance. Deshalb werden ihm im Verlauf des Spiels sechs Computergesteuerte Begleiter zur Seite gestellt, die ihn im Kampf unterstützen. Jeder dieser Kameraden gehört einer der sechs Klassen an, sodass taktisches Planen möglich, aber in den meisten Fällen eher sinnlos ist. Zwar ist es dem Spieler nicht möglich, direkt die Kontrolle über seine Mitstreiter zu übernehmen, aber er kann ihnen dennoch Befehle wie „Deckung“ oder „dorthin bewegen“ geben. Das Kampfsystem ist überwiegend actionreich.
Dennoch gibt es einige taktische Elemente. Mittels drücken und halten der Leertaste kann der Kampf pausiert werden und Befehle gegeben, oder die Kumpanen angewiesen werden, eine Spezial-Fähigkeit auszuführen. Je nach Klasse hat auch Shepard Zugriff auf mehrere dieser Fertigkeiten. Diese lassen sich bequem in einer Leiste im oberen linken Bildschirmrand ablegen und mittels Nummerntasten direkt im Kampf ausführen. Sowohl Shepard als auch seine Kollegen haben Zugriff auf fünf verschiedene Waffenarten: Sturmgewehr, Schrotflinte, Präzisionsgewehr, Pistole, Granaten. Im Spielverlauf werden die Knarren zwar immer stärker, aber verändern sich vom Aussehen her beinahe nie, sodass hier kein Item-Sammel-Suchttrieb aufkommen will. Die Rüstungen hingegen variieren sehr stark und sehen in den meisten Fällen detailliert und schön aus.
Zwar ist Biowares neues Produkt erzähltechnisch ein Feuerwerk, dennoch krankt "Mass Effect" an den Nebenquests. Der Großteil der Aufgaben, die außerhalb der Main-Storyline zu erfüllen sind, sind langweilig und kaum spannend. Die wenigsten Nebenaufgaben sind in eine interessante kleine Geschichte gehüllt und stellen knifflige Aufgaben bereit. Nur wenige hochwertige Ausnahmen bestätigen die Regel. Zwei Beispiele zum Vergleich: Shepard muss auf dem Erdenmond Luna landen um außer Kontrolle geratene Übungsroboter auszuschalten. Selbstverständlich packt er hierfür das Waffenarsenal aus und ballert drauf los, bis die Blechbüchsen handlich zusammengeschossen in den Altmetall-Container passen.
Anderes Beispiel, neue Quest: Shepard wird im Raum von einem Funkspruch eines Allianz-Kommandeurs erreicht. Dieser teilt mit, dass auf einem Schiff im Orbit verzweifelte Biotiker einen Botschafter vom Allianz-Rat gekidnappt haben. Es liegt nun an Shepard die Krise zu beenden. Also betritt dieser mit seinem Squad das Schiff und arbeitet sich (gewaltsam) zum Anführer der Biotiker vor. Mit gut trainierten Überredungsfertigkeiten wie Schmeicheln oder Einschüchtern ist es möglich den Konflikt unblutig zu beenden. Scheitert der Versuch zu reden wird der Botschafter von dem Anführer der Biotiker erschossen. Um im späteren Spielverlauf nicht auf - wegen liegengelassener Erfahrungspunkte - zu starke Gegner zu stoßen ist es leider nötig, einige der langweiligen Nebenquests zu erfüllen.
Schön gemacht: Mass Effect belohnt den Spieler nach gewissen Leistungen wie „Spiele das Spiel in einem beliebigen Schwierigkeitsgrad durch“ mit Medaillen, die im Hauptmenü anzusehen sind. Diese Belohnungen haben Auswirkung auf die weiteren Spielfiguren, die erstellt werden. Erhält der Spieler beim erstmaligen Durchspielen beispielsweise die Medaille „Sturmgewehr-Auszeichnung“, so steht es ihm frei, das Sturmgewehr-Attribut jedem seiner weiteren Charaktere als Bonus-Attribut hinzuzufügen. So hat es durchaus Sinn, so viele dieser Errungenschaften wie möglich zu erreichen. Die letzten beiden der fünf Schwierigkeitsgrade, die übrigens sehr gut ausgeglichen sind („Einfach“ IST einfach und „Wahnsinn“ IST Wahnsinn!) sind ebenfalls durch diese Auszeichnungen zu erlangen.
Auch grafisch präsentiert sich Mass Effect sehr gut und kann durchaus als Bester unter den Rollenspielen in dieser Kategorie durchgehen. Gesichter sind detailliert und voll von Emotionen. Die Umgebung wirkt realistisch und lebendig. Bei näherer Betrachtung jedoch fällt auf, dass die Texturen unscharf werden und verwaschen wirken. Auf älteren Systemen gibt es Probleme mit dem Nachladen von Grafiken nach dem Laden eines Spielstandes, sodass es einige Sekunden (!) dauert, bis die Umgebung scharf dargestellt wird. Die Schatten sind detailliert und genau, wobei ein Grafikbug auf diversen Rechnern verpixelte und (im Gesicht) falsch dargestellte Schatten verursachen kann.
Die Soundkulisse ist gut und voll von Effekten. Es fehlt aber an einer Surround-Unterstützung, sodass es nicht möglich ist, verschiedene Geräusche aus verschiedenen Richtungen zu vernehmen - nervig für Besitzer eines Surround-Headsets oder einer Surround-Anlage. Derzeit plagen an manchen Stellen noch Soundbugs den Spielfluss und nehmen der Atmosphäre kurz den Wind aus den Segeln. Dafür suchen die Musikstücke, die das Geschehen untermalen ihresgleichen. Immer passend und monumental fügen sie sich perfekt ins Spielgeschehen ein.
Da bereits die Mindestanforderungen bei einer 256 MB G-RAM Grafikkarte und 1 GB RAM, auf Vista sogar 2 GB RAM liegen, bedarf es einer wahren Power-Maschine um, Mass Effect flüssig auf höchsten Einstellungen zu spielen. Spielerinnen und Spieler sollten besonders darauf achten, genug Festplattenspeicher zu erübrigen, denn das Spiel frisst satte 15 GB. Ohne Probleme läuft Mass Effect sicher auf einem System wie unserem Testrechner mit Geforce 8800 GTX, 3 GB RAM und einem Dual Core Prozessor mit 2,4 GHz. Bei ATI Karten kann es zurzeit noch zu fehlerhaften Darstellungen kommen. Der neue Grafikkartentreiber sollte dies aber beheben.
Auf den höchsten Einstellungen geizt Mass Effect dafür dann auch nicht mit Effekten und Grafikspielereien. Wer das Spiel auf niedrigere Stufen setzen muss, der hat zumindest mit mittleren Einstellungen noch ein ansehnliches Spiel. Auf niedrig wird’s dann aber eher hässlich.
Mass Effect ist ein hochspannendes Sci-Fi Spektakel das in der Präsentation und im Erzählen seinesgleichen sucht. Grafisch ist das Spiel ebenfalls schön anzuschauen, weist aber wie der Sound kleinere Macken auf. Einzig krankt es an den Nebenquests, die zu langweilig gestaltet sind. Schön gemacht: Für Erfolge gibt’s Medaillen die Motivieren. Die vielen Entscheidungsmöglichkeiten und Klassen laden außerdem zum erneut spielen ein.
Kommentare
am 7. August 2008 - 20:26
Da folgendes leider nicht in die Wertung einfließen kann schreibe ich es einfach hier dazu:
Mass Effect benötigt zum installieren zwangsläufig das Internet um die Kopie des Spiels online zu registrieren. Das gehört zu dem Kopierschutz der verwendet wird: Securom.
Weiters lässt sich Mass Effect nur 3 Mal auf verschiedenen Rechnern installieren.
Interessierte die kein Internet besitzen stehen hier also leider als die Angeschmierten da. Unfair von EA und Bioware.
am 7. August 2008 - 23:37
Ja, wo's um Kopierschutz geht, scheinen Publisher und Entwickler derzeit zu Hochtouren aufzulaufen - auch, wenn's auf die Kosten derer geht, die Geld für ein Produkt auf den Tisch legen, das nur eingeschränkt nutzbar, bzw. wiederverwendbar ist: Spielerinnen und Spieler. Ich bin gespannt, wie's ausschaut, wenn die hiesigen (re)Aktivierungsserver 'mal nicht erreichbar sind, bzw. abgestellt werden.
Übrigens: Sehr sehr umfangreiche Rezi ;)